Texte, Gedichte und Geschichten


Die Tür


(Das wunderbare Lied "Open up your Eyes" von der Band "Daughtry" inspirierte mich zu dieser Geschichte!)

 

 

Der Spiegel zeigte ihr ein fast fremdes Gesicht.
War das noch immer sie? Franziska, die junge Tänzerin, die an der Staatsoper in Hamburg ein Engagement gefunden hatte? Noch heute, fünfzig Jahre später, erschien es ihr wie ein Wunder. Ein müdes Lächeln zog sich über die matten Züge. Na ja, jung war sie nun wirklich nicht mehr. Mit zweiundsiebzig Jahren hatte sie das biblische Alter bereits überschritten und näherte sich einer Greisin an.
Mit dem Kamm fuhr sie sich durch die, noch immer dichten Silberlocken und fasste sie im Nacken mit einer schlichten Spange zusammen.
Würde er sie überhaupt erkennen? Dreißig Jahre glichen einer Ewigkeit, betrachtete man die Vergänglichkeit des Menschen.
Ihr Herz schlug einen ungewohnt schnellen Takt. All die Jahre war sie sich so sicher gewesen. Nicht der geringste Zweifel hatte in ihr Nährboden gefunden, bezüglich der Gewissheit, dass er sie auch nach hundert Jahren noch unter tausend anderen Frauen entdecken würde. Doch nun, da ihre Zusammenkunft sich nicht mehr über Tage, geschweige denn Jahre ausdehnte, sondern er nur noch wenige Stunden auf sich warten ließ, überkam sie auf ein mal Unsicherheit.
Sie griff nach dem großen Puderpinsel und verteilte ein wenig Rouge auf den Wangen. Ein dezentes Make-up, dass hatte er immer geliebt. Sie durfte also nicht übertreiben, wenn bisweilen ihre faltig anmutende Haut sie auch dazu hinreißen wollte. Ja, faltig war sie geworden. Die Jahre und der Kummer waren nicht spurlos an ihr vorbei gegangen. Mit zitternden Händen legte sie ein wenig Wimperntusche an und einen Hauch Lippenstift auf.
Na siehst du, altes Mädchen, so holst du locker zehn Jahre raus, warf sie lachend ihrem Spiegelbild entgegen. Die Vorfreude auf das Wiedersehen ließ es zu, dass sie sich leichter, ja, beschwingter fühlte. Die Schwere ihrer Glieder schien für Augenblicke zu weichen, die Atmung ging flach aber leicht. Nicht zu glauben, dass ihre letzte Begegnung tatsächlich schon dreiunddreißig Jahre zurücklag.
In ihrer Erinnerung war er noch immer jung und schön. Der starke Mann, an dessen Schulter sie sich lehnen konnte.
Er hatte damals das Vorstellungsgespräch an der Staatsoper mit ihr geführt. Später dann, hatte Jonathan ihr anvertraut, dass er ihr schon bei dem ersten Tanz verfallen war. Und sie?
Sie hatte sich bei dem tiefen Blick in seine blauen Augen unsterblich in diesen äußerst charmanten Gentleman verliebt.
Sich erhebend, spürte sie, dass sie ein wenig wackelig auf den Beinen war, denn auch die Füße boten nicht denselben Halt wie noch fünfzig Jahre zuvor. Franziska trat an den Kleiderschrank. Hinter der spiegelverglasten Tür verbargen sich Abendroben, schützend in Zellophan verpackt. Zielstrebig griff sie das dunkelblaue Kleid mit der schlanken Silhouette heraus. Sie wusste, das würde ihm gefallen. Er hatte es immer geliebt, wenn sie die Kleidung figurbetont trug.
Leichter Schwindel erfasste sie, bei dem Gedanken, dass es sich nur noch um wenige Stunden handelte, bis sie einander wieder trafen. Die Aufregung bringt dich noch um, dachte sie lächelnd, als sie die Plastikfolie zerriss und das nachtblaue Gewand vom Bügel nahm.
Vorsichtig berührte sie den edlen Stoff. Ja, genau das Richtige, für einen solch festlichen Anlass.
Gott sei Dank war das Kleid vorn zu knöpfen, so war sie nicht auf fremde Hilfe angewiesen, wenngleich ihre steifen Finger sich ein wenig schwertaten. Sie hatte ja Zeit. Niemand trieb sie zur Eile und Jonathan hatte fest versprochen zu warten. Egal wie lange sie brauchte. Darauf vertraute sie. Seine Versprechen hatte er stets gehalten.
Bis auf ein Mal erinnerte sie sich…
Endlich hatte sie auch den letzten der zwölf Schließen durch die dafür vorgesehene Öffnung geschoben, als sie den Kopf hob und ein weiteres Mal ihr Spiegelbild betrachtete. Ja, so konnte sie sich durchaus sehen lassen. Ein wenig eng wurde ihr um die Brust bei dem Gedanken, dass Jonathan in ihr nicht länger die junge Tänzerin, sondern eine alte Frau sehen würde. Eine Frau, der das Leben tiefe Wunden zugefügt hatte, die auch an ihrem Äußeren nicht spurlos vorbei gegangen waren.
Mit den Händen strich sie imaginäre Falten aus dem engliegenden Rock und drehte sich leicht vor der reflektierenden Oberfläche.
Und die größte Narbe, lieber Jonathan, die hast du mir zugefügt, flüsterte sie der Frau im Spiegel zu.
Bis heute hatte sie sich kaum davon erholt. Damals hatte er ihr die Ehe versprochen. Er hatte vor Gott geschworen, mit ihr alt werden zu wollen. Das einzige Versprechen, an dem er nicht festgehalten hatte…
Franziska wischte sich die Tränen aus den Augenwinkeln. Das lag lang zurück. Auch, wenn sie damals entsetz, wütend, ja regelrecht erstarrt gewesen war, so hatten sie die Jahre doch Vergebung gelehrt. Manchmal plante das Leben eben anders, als der Mensch selbst.
Mit dem Daumen berührte sie den breiten Goldreif an ihrem Ringfinger. Trotz der brutalen Trennung, vor mehr als dreißig Jahren, hatte sie Jonathan die Treue gehalten. Für sie gab es nur diesen Mann, ihm hatte sie ihr Herz geschenkt, auf ewig. Und sie hatte darauf vertraut, dass die Zeit sie wieder einen würde, irgendwann.
Ein leichtes Zittern befiel ihre Glieder, als ihr klar wurde, dass die Minuten nun rasend schnell verrannen. Nicht mehr lange und sie würde ihrem Geliebten endlich wieder gegenüber stehen.
Ein schmerzliches Sehnen zog durch ihre Brust. Sie konnte es kaum erwarten ihn in die Arme zu schließen, ihn zu küssen…
Aber wäre auch die alte Vertrautheit noch da, nach all den Jahren? Ihre stärkste Waffe im Kampf gegen die Zeit?
Leise Angst nagte an ihr, fraß sich durch das dünne Gewebe der Sicherheit und des Vertrauens.
„Nun, nun, Franziska, “ warf sie ihrem Spiegelbild entgegen, „Du willst doch nicht so kurz vorm Ziel schlapp machen, altes Mädchen, oder?“
Nein, sicher nicht. Sie hatte ihr Versprechen gegebenen, ebenso wie Jonathan.
„Ich warte gleich hinter der Tür auf dich“, hatte er geflüstert. „Zögere nicht einzutreten, Liebste.“
Zögerte sie etwa jetzt schon, wo sie noch nicht mal vor dem Einlass stand?
Blödsinn, dreißig Jahre Sicherheit ließen sich nicht durch ein paar Sekunden Zweifel vernichten.
Sie nahm noch ein paar tiefe Atemzüge, in dem Bewusstsein, dass sich die Dinge in wenigen Stunden gänzlich verändern würden. Dann legte sie sich entspannt auf das Bett.
Ein wenig Zeit blieb noch.


    *


Als sie die Augen aufschlug, nahm sie als erstes das veränderte Licht wahr. Die Sonne fiel golden und warm durch die Vorhänge in den Raum und flutete ihn mit Glanz. Eine Einladung an das Leben, durchfuhr es sie mit leiser Aufregung. Eine Einladung sich zu erheben und der Zukunft zu begegnen, völlig ohne Angst und Schmerz, ohne Zweifel und Leid.
Und war es nicht genau das, was sie gewollt hatte. In all den Jahren ohne Jonathan hatte sie allein auf diesen Tag hingearbeitet. Vorsichtig, um ihrer alten Glieder willen, erhob sie sich und bemerkte dabei, dass ihr das Aufstehen auf einmal viel leichter fiel. Dennoch verspürte sie vor Aufregung leichte Übelkeit, so dass sie einen Augenblick still auf der Bettkante verharrte.
Und wenn er nicht gekommen war? Vielleicht gab es längst eine Andere… Franziska wandte den Blick zum Fenster und beobachtete einen Vogel auf der Fensterbank, der regelrecht im goldenen Licht zu baden schien. Oder war er aus Gold? Er hob den Kopf und schien ihrem Blick zu begegnen. Im selben Moment begann er ein Lied zu spielen, dessen Schönheit und Reinheit alles bisher Gehörte in den Schatten stellte. Niemals zuvor war ihr ein solch lieblicher Gesang begegnet.
Wag es, sprach sie sich selbst Mut zu. Mach dich auf und schau nach, ob er da ist. Schließlich beruht auch seine Gewissheit nur auf Vertrauen. Sich erhebend, entging ihr nicht, dass sie am ganzen Körper zitterte. Angst und Freude bildeten ein explosives Gemisch in ihrem Innern, trieben sie aber auch zeitgleich an, einen Schritt vor den anderen zu setzen.
Als ihre Finger das kühle Metall der Türklinke berührten, verharrte sie zögernd.
Was, wenn er doch nicht da war? Was wenn…
Es gelang ihr nicht, den Gedanken zu Ende zu führen, denn im selben Moment spürte sie den Gegendruck. Jemand betätigte auf der anderen Seite ebenfalls den Knauf. Ihr Herz stockte.
Konnte es sein… Konnte es tatsächlich sein…
Mit angehaltenem Atem starrte sie auf den schweren Verschlag, wie er ganz langsam aufschwang…
Und dann sah sie ihn. Ein Gefühl reinster und tiefster Freude, wie sie es nie zuvor erlebt hatte, durchflutete ihren Körper, gepaart mit der tiefen Liebe, die sie sich all die Jahre bewahrt hatte.
„Jonathan“, hauchte sie lautlos und fiel in seine Arme, so als hätte es dreiunddreißig Jahre Trennung nicht gegeben. Als sei er nie fort gewesen. Wie hatte sie auch nur eine Sekunde zweifeln können, er käme nicht? Er, ihr Fels in der Brandung. Der einzige Mensch auf dessen Zuverlässigkeit sie hatte Burgen bauen können.
Und er umfing sie mit seinen starken Armen, drückte ihr tränenüberströmtes Gesicht an seine Brust und flüsterte rau:
„Da bist du endlich, Liebste. So lange warte ich schon auf dich.“ Sie löste sich gerade soweit von ihm, dass sie seine feingemeißelten Züge erkennen konnte. Noch immer jung und schön. Wie befürchtet, hatte die Zeit ihm nichts anhaben können. Fast augenblicklich berührte sie beschämt mit den Fingerspitzen ihr Gesicht.
„Sieh nur, wie alt ich geworden bin, Jonathan, wahrlich kein schöner Anblick mehr, neben einem solch attraktiven Mann wie du es bist…“ Er umfasste ihr Gesicht mit beiden Händen und brachte sie mit seinem Mund zum Schweigen. Zärtlich und doch fordernd waren seine Lippen. Auch nach der langen Zeit hatte sein Kuss sich nicht verändert, war eher noch hingebungsvoller geworden. Atemlos lösten sie sich schließlich voneinander. Behutsam wischte er die Tränen von ihren Wangen und lächelte dieses vertraute Lächeln, das so tief in ihr verankert war.
„Du bist und warst immer wunderschön, Franziska. Zeit ist ein irdisches Element, dessen Vergänglichkeit hier keinen Bestand hat.“ Er zog sie wieder an sich und küsste sie zärtlich auf das Haar.
„Willkommen, in deinem wahren Leben. Dem Leben, das befreit ist von Angst und Schmerz.“ Franziska sah ihn verständnislos an. So ergriff er ihre Hand, die sich seltsam jung und kraftvoll in der seinen anfühlte, und führte sie zurück in die Schlafkammer, vor jenem Spiegel, vor dem sie sich noch Stunden zuvor hergerichtet hatte.
„Sieh nur, wie schön du bist.“ Die kräftigen Hände auf ihre Schultern gelegt, drehte er sie so, dass sie unwillkürlich ihrem Spiegelbild begegnen musste. Doch das wollte sie nicht. Sie wollte nicht sehen, wie der Zahn der Zeit ihr zugesetzt hatte, während ihr Mann jung und schön…
„Aber…, das kann doch gar nicht sein...“
Sie trug das dunkle Kleid, welches sie am Abend extra für ihn angelegt hatte. Nur schien der Stoff sich jetzt an die sanften, vollkommenen Kurven zu schmiegen, die sie vielleicht mit dreißig besessen hatte. Ein leiser Aufschrei entfuhr ihr, als sie das dunkle Haar berührte, welches in sanften Wellen bis auf die Schultern fiel. Noch keine Falte brach die Glätte ihrer Gesichtszüge. Es hatte fast den Anschein, als sei sie in eine Zeitmaschine gestiegen … oder schlimmer noch… Mit einem Ruck wandte sie sich um und begegnete den sanften blauen Augen ihres Mannes.
„Träume ich, Jonathan? Bitte sag mir, dass ich nicht träume, “ flehte sie leise, „Sonst will ich nie wieder erwachen.“ Schluchzend warf sie sich in seine Arme. Spürte das raue Material des Anzugs an ihrer Wange und dachte augenblicklich, es ist wie früher. Sein Geruch, seine Wärme. Die sanften Berührungen, sein heiseres Lachen. Niemals wieder, wollte sie dies verlieren. Viel zu lange hatte sie all diese Dinge entbehrt, darauf verzichten müssen, in der Hoffnung, dass dieser Tag, dieser Moment, tatsächlich irgendwann einmal wahr wurde.
Jonathan schob sie so weit von sich, dass er ihr in die Augen schauen konnte. Behutsam strich er eine Strähne ihres dunklen Haares zurück, bevor sein Daumen zärtlich über ihre Wange strich.
„Du träumst nicht, Liebes,“ sagte er sanft und ungeahnte Freude begann sich in Franziskas Körper auszubreiten.
„Vor dreiunddreißig Jahren, als ich in deinen Armen starb, habe ich dir versprochen, dich hinter der Tür des Todes in Empfang zu nehmen.“ Liebevoll hauchte er einen Kuss auf ihre Stirn, als er hinzufügte, „Und heute ist der Tag gekommen, da ich mein Versprechen in die Tat umsetze. Von nun an Franziska, gibt es nichts und niemanden der uns trennen kann, denn uns gehört die Ewigkeit.“
Sie ließ es zu, dass er sie an seine Brust zog, mit dem stummen Versprechen, sie nie wieder loszulassen.


 * Ende  *